Immobilienkauf – Der Kunde ist König

In einem Kleiderladen war jeder schon mal, und natürlich jede. Kaum eingetreten, wird höflich gefragt, ob Hilfe erwünscht sei. Es lässt sich gemütlich vor den Regalen stehen und die Textilien können entspannt optisch und von Hand auf Materialqualität und Verarbeitung überprüft werden. Wurde ein Objekt der Begierde erspäht, werden Sie gebeten, das modische Kleidungsstück in der Ankleide anzuprobieren.

Am raumhohen und gut ausgeleuchteten Spiegel angelangt, wird fachkundig nachgefragt und vom Fachpersonal überprüft, ob das Kleidungsstück sitzt. Bei nicht modelhaften Figurqualitäten ist Zögerlichkeit kein Problem, man wird sogar ermuntert, sich Zeit zu nehmen bezüglich eines Kaufentscheides mit dem freundlichen Hinweis, das Traditionsgeschäft werde in dritter Generation geführt und es werde am nächsten Tag wieder öffnen, falls Sie noch Bedenkzeit benötigten. Das war an einem Freitagmorgen kurz nach Neujahr.

Am Nachmittag begleitete ich einen Kaufinteressenten, welcher eine Einladung zum Erwerb von einem kleineren Mehrfamilienhaus bekommen hat. Das Mehrfamilienhaus aus dem frühen 19. Jahrhundert befindet sich in der Stadt Luzern in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof. Ein solches Objekt kommt sehr selten in den Verkauf und darum ist ein Bieterverfahren mit einem Mindestangebot von 2,1 Millionen Franken vorgesehen.

Rund ein Dutzend Personen stehen frierend bei Minustemperaturen vor dem Objekt. Schliesslich erscheinen zwei Herren, die sich als Vertreter der mit dem Verkauf beauftragten Firma vorstellen. Die Spielregeln werden bekanntgegeben und die Anwesenden werden in zwei Gruppen aufgeteilt und marschieren in einer Polonaise durch das Gebäude. Einzelbesichtigungen gibt es nicht, einzelne Räume sind nicht zugänglich, Fragen werden erst am Schluss beantwortet. Und der maximale Zeitbedarf wird mit 30 Minuten festgelegt! In zehn Tagen ist das Angebot schriftlich mit Finanzierungsnachweis per Einschreiben einzureichen. Die drei höchsten Bieter erhalten die Möglichkeit, ein zweites Angebot einzureichen.

Man hetzt also von Etage zu Etage, dazwischen gibt es einige Hinweise, «ja, ja neue, doppelt verglaste Fenster » oder «oh, Heizung erneuert» – auch wenn das bereits 1987 und nur der Brenner war. Solche Aussagen zeugen von mangelnder Fachkenntnis. Der Preis steigt von Minute zu Minute wie bei einem Fieberthermometer. Ach, es gibt schon Kaufwillige, welche bereit sind, über 3 Millionen Franken zu bezahlen. Nach 30 Minuten sind wir wieder vor dem Haus und bei der Fragerunde angelangt: Ist die Hauptfassade unter Denkmalschutz? Gibt es Nutzungspotenziale? Das müsse jeder selber abklären, war die Antwort der Verkaufsbeauftragten. Der Immobilienkauf stand unter Zeitdruck und das Verkaufsdossier war lückenhaft und schludrig. In Zeiten von Negativzinsen und Anlagenotstand häufen sich leider solche Verkaufspraktiken. Pech halt für jeden, der bereit gewesen wäre, zwei oder drei Millionen Franken auszulegen und erwartet hat, entsprechend behandelt zu werden. Glücklicherweise hat mein Mandant kein Angebot zu dieser überteuerten Immobilie abgegeben.

Am anderen Tag kaufte ich mir in entspannter Atmosphäre und ohne Zeitdruck und mit königlicher Behandlung in Sempach ein schönes Kleidungsstück und genoss den Kaufabschluss bei einem feinen Espresso an der Hausbar. Und glücklich ist der Kunde, der nur ein Kleidungsstück kauft, aber wie ein König behandelt wird.

Dieser Artikel erschien am 09.03.2017 als Immobilientipp in der Sempacher Woche.

 

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